Route

Während der ganzen Reise zeichneten wir unsere Route mit unserem Navigations-Tablet auf. Für Details einfach in die Karte reinzoomen.

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Hamburg, Berlin,Tschechien, Österreich, Bern

Mit geringfügiger Verspätung von drei Monaten folgt hier der letzte Teil unseres Reisetagebuches.

Nachdem wir Larvik (NOR) am frühen Abend verlassen haben, beschenkt uns die Nordsee mit einem filmreifen Sonnenuntergang. Wir geniessen die Überfahrt und legen bei Dunkelheit in Dänemark an. Voller Energie durchrasen wir die unspektakuläre, dänische Nacht und parken um zwei Uhr in der Früh den Panzer etwas ausserhalb von Hamburg im „Garten“ eines Freundes. Wir verbringen zwei entspannte Tage an der Elbe inklusive obligatorischer Hafenrundfahrt und typisch norddeutschem Sushi. Unser Land Cruiser wird vom Experten T.D. noch auf Herz und Nieren geprüft und für fähig befunden, uns sicher in die Schweiz zurückzubringen!

Von Hamburg aus fahren wir über Land Richtung Berlin. Mit einer kleinen Fähre überqueren wir die Elbe und somit die frühere Innerdeutsche Grenze. In der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik breiten sich viele grosse, unberührte Wälder aus. So finden wir bald einen perfekten Schlafplatz unter hohen Buchen und Eichen, irgendwie fühlen wir uns wie nach Russland zurück versetzt. Bei einem prasselnden Lagerfeuer entledigen wir uns der letzten Whiskyvorräten und lassen noch mal so manche Episode der Reise Revue passieren.
Frisch ausgeschlafen besuchen wir am nächsten Tag die alte sowjetische Garnison Vogelsang. Mitten in einem riesigen Wald wohnten während des kalten Krieges bis zu 50’000 Soldaten inkl. ihrer Familien. Heute muss man erst im Internet recherchieren, um die Geisterstadt überhaupt zu finden. Mit der Karte und dem GPS-Gerät bewaffnet wandern wir erst fünf Kilometer durch dichten Forst, um dann wie aus dem Nichts die ersten Bauten zu erspähen. Früher schien es hier den Soldaten – gemessen an DDR-Standards – an nicht zu mangeln. Wir identifizieren eine grosse Turnhalle, ein Schwimmbad, ein Kino, einen stattlichen Exerzierplatz und mehrere Wohnblocks mit kleinen Zweiraum-Wohnungen. Die Motivation der Soldaten wurde hochgehalten, damit im Bedarfsfall der kapitalistische Westen dem Erdboden gleichgemacht werden konnte. Während Stunden durchforsten wir die Ruinen und in unserer Fantasie füllt sich die Stadt mit Leben. Etwas ausserhalb der Mannschaftsunterkünfte wohnten die leitenden Offiziere in kleinen, typisch russischen Holz-Einfamilienhäuschen. Natürlich nach Normplänen gebaut. Etwas Heimat und Privatsphäre muss ja sein!
Viele der Gemeinschaftsräume sind farbenfroh gestrichen und immer wieder zieren Märchenfiguren und Szenen aus dem russischen Alltag die weissen Wände. Soviel Farbe würde so manch eine Schweizer Kaserne aus der grauen Tristesse führen.

Wir verlassen die Geister-Waldstadt mit viel Stoff für einen Agenten-Thriller erster Klasse und erreichen zwei Stunden später die Hauptstadt des kalten Krieges BERLIN.
Angekommen in der Metropole lassen wir nichts anbrennen und nächtigten im eigenen Dachzelt. Keine schlechte Alternative zu den mit Abschlussklassen und Pickeln überfüllten Hostels.
Des Abends überraschen wir unsere Berner Freunde J&N mit einem ungeplant verfrühten Wiedersehen nach über fünf Monaten. Das muss natürlich gefeiert werden und zwar so, wie es sich für das grosse B gehört: AUSGIEBIG!
Um 05.30 Uhr finden wir etwas wackelig den Weg zurück in unser Dachzelt und schlafen den Damenrausch aus. Der Flughafen Tempelhof liefert zusätzliches Futter für unsern imaginären Agententhriller, das Terrormuseum lässt uns erschaudern, eine Bootsfahrt durch die Spree schenkt uns Erholung und eine türkische Sportsbar feiert mit uns den Last-Second-Sieg der CH-Fussball-Nati gegen das grosse Slowenien. Vier kurzweilige Berliner Tage neigen sich dem Ende entgegen und wir beenden den kalten Krieg mit einem Besuch der Bunkeranlage Wünsdorf.

Um nicht in Langeweile zu verfallen, fahren wir noch kurz nach Tschechien. Dort servieren sie das beste Beefsteak Tatar weit und breit, sowas kann man sich einfach nicht entgehen lassen. In einer winzigen Pension versteckt im Böhmer-Wald bereiten wir uns auf den Wiedereinstieg ins musikalische Berufsleben vor. Die Fahrten durch die unendliche russische Taiga und die mongolische Steppe sollten sich nachträglich als äusserst kreativ und fruchtbar erweisen. Denn drei Monate später gründen Herr & Frau Lamparter ihre eigene GmbH und arbeiten mit vollem Elan an neuen Visionen. Doch dies ist eine ganz andere Geschichte.

Nach dem kulinarisch-tschechischen Abstecher führt uns die Route direkt in die Tiroler Alpen. Mama Lamparter verbringt dort ihre Wanderferien und so quartieren wir uns kurzerhand ins selbe Hotel ein. Natürlich ohne das Wissen von Mamma Lamparter, welche dann beim Abendessen in uns die Erscheinung des Leibhaftigen sieht. Anders ist ihr Gesichtsausdruck nicht zu interpretieren, als sie uns erblickt… verständlich, nach – für Mütter unendlich langen –  5.5 Monaten. Viva la famiglia!

Und dann, nach genau 170 Tagen und 37’118 Kilometern durch 24 verschiedene Länder, fahren wir wieder in Bern ein. Die Frau bei Denner an der Kasse grüsst Herrn Lamparter freundlich, die latent unzufriedene Nachbarin bedeckt unsern Panzer mit einer lautlosen Schimpftirade und Frau Lamparter hat einen Coiffeur-Termin.

Der Alltag hat uns wieder, doch die Erinnerungen bleiben uns treu.

Nach dem Abenteuer ist vor dem Abenteuer.
Danke für’s Lesen

Carmen & Sandro Lamparter

 

Über die Grenze nach Norwegen oder zurück in die Zivilisation

Nachdem wir uns in Murmansk gebührend von unserem neuen Geheimtipp Russland verabschiedet haben, geht es nun in Richtung Norwegen. Schon bizarr was eine imaginäre Linie auf einem Stück Land ausmachen kann, denn innert wenigen Minuten und Kilometern fühlen wir uns als wären wir direkt von der Wildnis wieder nach Hause katapultiert worden.
Man sichtet etliche europäische Touristen, welche es sich zur Attraktion gemacht haben bis zum norwegischen Kirkenes zu fahren, um über die russische Grenze zu kucken und „den bösen Russen“ von Weitem zu sichten. Bestimmt würde es jedem von ihnen gut tun es doch einmal über diese „gefährliche“ Grenze zu wagen um sich eines Besseren zu belehren.
Jedenfalls werden auch die Preise von einer Minute zur anderen um ein 5-faches erhört und beim ersten Gang in einen Supermarkt sind wir komplett überfordert – Wir werden mit einer riesigen Auswahl an Produkten konfrontiert, brauchen eine halbe Ewigkeit um die paar benötigten Dinge einzukaufen und sind beim Verlassen des Einkaufszentrums eher gestresst.

Der Nordküste Norwegens entlang fahren wir in Richtung Nordkap, besuchen das östlich davon gelegene Kapp mit seinem Slettnes Fyr, dem nördlichsten Leuchtturm auf dem europäischen Festland. Da das Wetter aber kalt und neblig ist, sieht man von der uns empfohlenen Aussicht nicht viel und wir fahren weiter Richtung Westen. Wir beschliessen das Nordkap auszulassen, stürmen die Touristen dort doch nun gleich zu tausenden in Bussen daher und auf das offerierte „Nordkap-Diplom“ können wir bei einem stolzen Anreise-Preis von über 100 € auch gerne verzichten. Hinzukommt, dass wir uns von den vielen Wohnmobilen und dem wenigen vorhandenen Platz in Norwegen eingeengt fühlen, nirgends ist ein Platz, an welchem wir alleine sein können, überall stehen sie die Wohnmobile, welche in Norwegen die Wildnis suchen. Fairerweise muss man hierzu sagen, dass der Ausdruck „viele“ Touristen eine Ansichtssache ist (für uns waren es 5 Wohnmobile am selben Ort).. Heja, dies ist wohl der Preis, welcher man für die einmal gerochene Wildnis bezahlt.

So fahren wir also weiter, besichtigen Hammerfest, einst die nördlichste Stadt Europas bis das auf der Nordkap-Insel gelegene Honningsvåg seine Einwohnerzahl von 2000 erreicht hat und Hammerfest diesen Titel nun streitig macht. Jedenfalls ist Hammerfest ein schönes kleines Städtchen, wir erklimmen den örtlichen Hügel und geniessen die fantastische Aussicht auf die bunten Häuser und den Hafen.
Am Abend geht’s zum Gletscher Oeksfjordjokelen, welchen wir am nächsten Morgen erwandern wollen. Unterwegs treffen wir eine Schweizer Familie mit zwei erwachsenen Söhnen, welche zu Kindheitszeit der Söhne jeweils 3 Jahre mit einem Segelboot unterwegs waren, die Kinder (damals 3 und 5 Jahre alt) von unterwegs unterrichtet haben und dies mit so grosser Freude erzählen, dass sie für „Nicht-0/8/15“ Familien werben sollten! Wir verbringen ein paar interessante Stunden mit den vier und treffen sie gar etliche Wochen später wieder auf unserer Rückreise auf der Fähre von Norwegen nach Dänemark. Eine schöne Bekanntschaft!
Auch die Wanderung hat uns überzeugt und langsam aber sicher gewöhnen wir uns an Norwegen und können die tatsächlich (!) wunderschöne Landschaft geniessen.

Die Lungen voller Meeresbrise machen wir uns auf nach Tromsö um die zwei Solothurner Auswanderer Michu & Anita zu besuchen. Es tut gut nach knapp 5 Monaten im hohen Norden ein Stück Solothurner Heimat zu finden! Wir spannen ein paar Tage aus, schlafen viel, essen noch mehr und plaudern ausgiebig. Tromsö ist mit seinen 50’000 Einwohnern, davon 5’000 Studenten, eine äusserst lebendige Stadt mit vielen jungen Leuten und erstaunlich coolen Bars. Von Anita werden wir in die Faszination der Hurtigruten Schiffe eingeführt und sinnieren so schon wieder über die möglichen nächsten Feriendestinationen. Für zwei Wochen entlang der norwegischen Küste, im Winter, durch enge Fjorde zu reisen und die Ruhe beim Lesen und Schreiben zu geniessen, klingt extrem verlockend. Wir werden ja sehen….
Nach 3 Tagen verlassen wir unser Zuhause im hohen Norden und reisen weiter zu den Lofoten, die langgestreckte Halbinsel, welche vom Festland nach Westen hin in’s offene Meer hinausragt. Berge, Fjorde und viel klares Wasser sind stereotypisch für diese Gegend. Die Strände sind karibisch, weisser Sand und türkisfarbenes Wasser – die Wassertemperatur jedoch eher arktisch. Bei kühlen 9 Grad geniessen wir anstatt einem sommerlichen Bad einen kühlen Drink und geniessen die Aussicht. Norwegen – nun hast du uns langsam doch gepackt…

Um das Land doch noch in seiner vollen Pracht zu erleben, stellen wir unseren Panzer ab, packen unsere Rücksäcke und das kleine Wanderzelt. Über kaum vorhandene Wanderwege laufen wir über Stock und Stein und durch Sümpfe und erklimmen einen felsigen „Sauhund“. Wieder den Berg runter erreichen wir nach 8 Stunden müde aber glücklich den einsamen Horseidvika Strand, ernähren uns von Dosen und fallen entspannt in einen tiefen Schlaf. Unsere Wanderroute führt uns am nächsten Tag über einen anderen Berg zu einer Fähre, welche uns zum Postauto bringt, welches uns wiederum nur noch 11 km entfernt von unserem Auto ablädt… Autostopp war geplant, aber man ist halt nicht mehr in Russland. An dieser Stelle muss gesagt werden, dass uns die paar extra Kilometer nach ausgiebigem Essen während den letzten Wochen auch nicht schaden können.
Abends wieder bei unserem Panzer ankommend, beschliessen wir das Ganze gleich am nächsten Tag zu wiederholen und wollen uns den fast schon bekannten Kvalvika Strand anschauen, ursprünglich ein Geheimtipp unter Surfern und sonstigen Freaks. Während einer diesmal eher entspannten Wanderung merken wir, dass Norwegen uns nun doch noch so richtig begeistern konnte. Denn schnürt man seine Wanderschuhe wird man mit wunderschöner Natur und wilden Stränden belohnt. Wir verbringen eine weitere Nacht im kleinen Wanderzelt bevor wir uns am nächsten Nachmittag auf der Fähre von Reine nach Bodo von den Lofoten verabschieden, um danach die Grenze nach Schweden zu überqueren.

Unseren ersten Halt im Land der Elche machen wir bei einem unserer schwedischen Retter, Jonas, (ihr erinnert euch wohl noch an unser Missgeschick auf dem kirgisischen Tosor Pass…). Jonas hat uns eingeladen ein paar Tage in seinem Ferienhaus direkt am Wasser zu verbringen. Dort ankommend stellt sich das vermeintliche Ferienhäuschen als wunderschönes und extrem geräumiges schwedisches Blockhaus dar… Wir frönen unserem neuen Lieblingshobby, dem Fischen, kommen auf den Geschmack von Elchfleisch und gehen Beeren pflücken um daraufhin Jonas’ Begabung für’s Backen zu geniessen.
Vom einen Retter geht es dann gleich zum nächsten. Ronnie und seine Freundin, Lena, die beiden Inhaber der schwedischen Offroad Firma, nehmen uns in Rättvik herzlich auf und haben es sich zum Ziel gemacht uns die komplette, leckere, aber doch sehr deftige Palette der Schwedischen Küche näher zu bringen. Die beiden stehen stundenlang in der Küche um uns bei unserer Auskunft ein Buffet, ausreichend für mindestens 20 Personen (vielleicht kommen ja noch mehr….?) zu präsentieren. Es stellt sich heraus, dass wir die einzigen Gäste sind und so kommen wir in den vollen Genuss von Köttbullar, Blutpudding, Hering in Senfsauce und unendlich vielem mehr. Wow, lecker wars– wir vereinbaren ein zukünftiges Date mit den beiden in der Schweiz und werden ihnen wohl gleich alle drei Fonduevarianten auf einmal servieren!

Von Rättvik fahren wir nach Oslo, übernachten tatsächlich auf einem Campingplatz in der Stadt und verabreden uns mit den Jungs der norwegischen Band The Carburetors, bevor wir uns dann am nächsten Tag endgültig von Skandinavien verabschieden, denn Dänemark zählt ja irgendwie nicht wirklich dazu. Westlich von Oslo nehmen wir die Fähre bei Larvik und sind ca. 4 Stunden später in Hirtshals, Dänemark.

Nach ein paar Wochen Skandinavien haben wir uns nun definitiv wieder an die Zivilisation gewöhnt und kommen unserem Zuhause immer näher.

8080 км по России – 8080 Kilometer quer durch Russland

Da stehen wir nun in Ulan-Ude vor dem weltweit grössten Lenin-Kopf und irgendwie scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Es ist Sonntag-Nachmittag, die Stadt wirkt wie ausgestorben und das Thermometer zeigt sibirische 29° an. Das Verwaltungsprogramm des Macbooks zeigt an, dass seit dem letzten Backup 105 Tage vergangen sind. Exakt so lange sind wir nun bereits unterwegs und haben es doch glatt verpasst, auf den hundertsten Reisetag anzustossen. Stattdessen werden wir uns bewusst, dass an diesem 12. Juli 2015 bereits die Rückreise beginnt. Vor uns liegen stattliche 8080 Kilometer gefährliches Russland.

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Überall Betrunkene, korrupte Polizisten, lebensgefährlicher Verkehr, unfreundliche Menschen und Vladimir Putin. Oft wurden wir zuhause vor Russland gewarnt, meistens von Leuten, die noch gar nie dort waren. Unsere Wahrheit sieht anders aus; Russland muss man sich erarbeiten, Liebe auf den zweiten Blick dafür mit mehr Nachhaltigkeit. Die vermeintlich unfreundliche Kassiererin im Supermarkt mutiert nach zwei Sätzen unseres Russisch-für-Dummies zum regelrechten Sympathiebolzen und strahlt noch, als wir unsere Einkäufe schon längst im Auto verstaut haben. Notabene über 6000 Kilometer entfernt von Tschernobyl. Herrn Lamparters Fehler, den Panzer in eine schlecht gekennzeichnete Einbahnstrasse gelenkt zu haben, wird mit dem Polizisten bilateral und einer Flasche Amerikanischem (Duty Free) Whisky freundschaftlich gelöst. Auch das Klischee des Vodka-Rauschtrinkens beschreibt nur die halbe Wahrheit. Der Russe trinkt eigentlich nur, um seine geliebten Trinksprüche unter die Leute zu bringen. Angestossen wird auf die schweizerisch-russische Freundschaft, auf die immense Grösse Russlands, auf unsere Reise, auf unser Gutergehen, auf die Zukunft aber noch fast lieber auf die Vergangenheit (besonders auf den glorreichen Sieg vor 70 Jahren). Auch der Strassenverkehr erweist sich als machbar und minder gefährlich als die Deutsche Autobahn. Das eigene Gefährt sollte einfach in der Lage sein, die riesigen, mehr als 40 Tonnen schweren und 110 km/h fahrenden Sattelschlepper überholen zu können. Überholst Du sie nicht, überholen sie dich und dann kann es bei Gegenverkehr unangenehm werden. Denn der Truckerboy wird, ohne den Rückspiegel eines Blickes zu würdigen, rechts rüberziehen.

Doch zurück in die Gegenwart; von Ulan-Ude aus fahren wir nach Irkutsk und verbringen dort zwei Nächte im Hotel. Pünktlich zu Beginn des zweiten Satzes steigen wir in die Übertragung des Wimbledon-Finals ein. Die Qualität des Streamings über die russische Webseite gleicht dem Spiel Federer’s und so kommen wir trotz sieben Stunden Zeitverschiebung doch noch zu etwas Schlaf. Gemessen an Ulan Bator strotzt Irkutsk trotz Regen vor Schönheit und wir finden uns in einem Irish Pub wieder, nachdem wir den Taxifahrer gebeten haben, uns in ein typisch russisches Restaurant zu bringen. Wir legen die Strategie für die nächsten Tage fest und beschliessen vor den Abertausenden von sibirischen Kilometern noch etwas am Baikalsee auf der Insel Olchon auszuspannen.

Vom Festland gelangt man mit einer kleinen, erstaunlich modernen Fähre in 20 Minuten nach Olchon. Nach sechs Stunden Anstehen sind wir reif für die Insel. Wir campieren vier Nächte auf der Insel, zwei davon direkt auf dem karibisch feinen Sandstrand. Der Baikalsee ist mit seinem klaren, kalten Wasser eine echte Perle. Ganz nebenbei rühmt er sich als grösstes Süsswasserreservoir (480-facher Wasserinhalt des Bodensees) und tiefster See der Welt (1642 Meter).

Der moderne Russe zeigt was er hat und liebt es mit seinem Quad den Strand rauf- und runter zu brettern. Herr Lamparter winkt dem Fahrer brav zu und findet sich zur eigenen Freude kurz darauf selber auf dem Quad wieder. Nahtlos geht es in den Vodka über und man feiert mit den neugewonnenen Freunden bis in die frühen Morgenstunden. Der nächste Tag ist scheisse. Eine Nacht, ein Bad im 16° kalten See und ein paar Liter Wasser später ist der Kater besiegt und die Batterien aufgeladen.

Nächster Stop Murmansk. Auf dem Navi steht irgendwas von 91 Stunden Fahrzeit, so fahren wir los mit der Idee diese Strecke möglichst zügig hinter uns zu bringen. Ein paar Stunden und Rumpler später stoppen wir in Angarsk und beim rechten Vorderrad qualmen die Bremsen ziemlich heftig. Am Strassenrand stehen zwei Männer, Frau Lamparter fragt nach der nächsten Werkstatt, der Eine beginnt zu telefonieren, der Andere schliesst seinen Handy-Reparaturshop, schaut Herrn Lamparter an und sagt freundlich aber bestimmt: „Follow me“. Nach wenigen Minuten finden wir uns in einer Hinterhof-Garage wieder und der Mechaniker entpuppt sich als Offroad-Experte. Seine Diagnose deutet unmissverständlich auf ein gebrochenes Radlager hin. Auch die umliegenden Teile wurden arg in Mitleidenschaft gezogen und müssen ersetzt werden. Der Mann vom Handy-Reparaturshop fährt mit Herrn Lamparter in den Autoersatzteil-Supermarkt. Toyota sei Dank haben wir eine Stunde und zwanzig Telefonate später alle benötigten Ersatzteile beisammen. In der Zwischenzeit haben zwei Mechaniker in der brütenden Sonne bei 32° alle kaputten Teile demontiert und beginnen mit dem Einbau der Ersatzteile. Der Kollege vom Handymann unterhält Frau Lamparter mit Bildern und Videos vom Tschetschenien-Krieg, von der Bärenjagd und vom Angeln. Er arbeitet als Ausbildner von Sniper-Einheiten der russischen Armee…

Einige Stunden später ist der Schaden behoben und mit grossen Anstrengungen können wir die Mechaniker überreden, doch wenigstens umgerechnet 50 CHF als Honorar zu akzeptieren. Wir sind ab soviel Hilfsbereitschaft und ernst gemeinter Freundlichkeit gerührt und haben uns vorgenommen ihr grösstes Anliegen bei unserer Heimkehr in die Schweiz in die Tat umzusetzen: Unseren Freunden und Bekannten ein positives Bild von Russland und seinen Bewohnern zu vermitteln!

Noch Tage und Wochen später erhalten wir von Igor (dem Mann mit dem Handy-Reparaturshop) Whatsapp Nachrichten mit der Frage, ob es uns gut gehe und wo wir gerade seien. Gut möglich, dass wir sein Angebot annehmen und die Region um den Baikalsee einmal im Winter bei sibirischen -40° erleben werden.

Die Reise führt uns nun definitiv westwärts, vorbei an der Atom-Stadt Krasnojarsk (dort wird immer noch Uran abgebaut), über Novosibirsk nach Omsk. Dieser eine Satz wiederspiegelt eine Wegstrecke von 2’500 Kilometern. Des Abends übernachten wir jeweils irgendwo in der Taiga und schliessen Bekanntschaft mit den aggressiven Moskitos, sie sollten treue Begleiter für die kommenden Wochen werden.

Beim Mittagshalt in Omsk fällt auf, dass Herrn Lamparters Ellbogen urplötzlich auf Golfballgrösse angeschwollen ist. Die Schmerzen sind gering, das Erstaunen umso grösser. Nach Rücksprache mit einer befreundeten Ärztin deutet alles auf einen entzündeten Schleimbeutel hin. Ruhigstellen lautet die Devise und nach über vier Monaten Männerdominanz übernimmt Frau Lamparter in gewohnt souveräner Manier das Steuer. An dieser Stelle sei gesagt, dass Herr Lamparter keineswegs der bessere Fahrer sondern vielmehr der schlechtere Beifahrer ist und die Rollenverteilung für beide stimmte. So lernt ein jeder den Tagesablauf des Andern besser kennen und der Wechsel stellt sich als willkommene Abwechslung heraus. Ein paar Tage und Tabletten später ist die Schwellung dann auch schon wieder verschwunden und wir beschliessen spontan einen Abstecher nach Finnland zu machen.

Über Airbnb mieten wir in der Nähe von Kuusamo ein rustikales Mökki (typisch finnische Holzhütte) mit Sauna und Seeanstoss. Den See inkl. Ruderboot haben wir für uns alleine und während den ganzen vier Tagen sehen wir keine einzige Menschenseele. Mit der in Usbekistan gekauften und bis dato ungebrauchten Angelrute sticht Herr Lamparter in See. Seit dem letzten Angelspass sind stolze 25 Jahre ins Land gezogen aber dank Whatsapp und Internet werden die Kenntnisse aufgefrischt. Der Puls schnellt in die Höhe als der erste Hecht anbeisst, kurz vor dem Boot macht der Raubfisch mit den scharfen Zähnen aber kurzen Prozess und durchbeisst die Angelschnur. Während den nächsten zwei Tagen wiederholt sich dieser Vorgang noch drei weitere Male und Verzweiflung macht sich breit. Nach Whatsapp-Rücksprache mit fischenden Freunden ist der Fehler gefunden: Für Hechte fischt man immer mit Stahlvorfach. Übersetzt heisst das, dass für die letzten 20cm der Angelschnur eine Art Draht verwendet wird, welche der Fisch nicht durchbeissen kann. Mit gepimpter Rute zurück ins Gefecht und schau an, der nächste Hecht hängt bereits an der Angel. Herr Lamparter kurbelt und gestikuliert wie wild während Frau Lamparter entgegen ihrer eigenen Gemütslage versucht Ruhe ins Geschehen zu bringen. Der Fisch windet sich vor dem Boot im Wasser doch dank des Stahlvorfachs und des Keschers (Netz in Tennisschläger-Format) zappelt der Hecht schon bald IM Boot. Nun heisst es Nerven bewahren und sich vor den scharfen Zähnen in Acht nehmen. Mit dem Bauhammer gibt’s zwei auf den Schädel und mit einem anschliessenden Kiemenschnitt wird der betäubte Hecht endgültig ins Jenseits befördert. Was jedem erfahrenen Fischer kaum mehr als ein müdes Lächeln abgewinnen würde, löst in uns richtige Adrenalinschübe aus. Stunden später brät der mit Gemüse gefüllte Hecht in der Glut des Feuers und wir geniessen das Mahl mit einem völlig neuen Bewusstsein. Einen ereignisreichen Tag lassen wir in der mit Holz befeuerten Sauna ausklingen. Life is good.

Russland ist uns ans Herz gewachsen, so versteht es sich von selbst, dass wir uns auch standesgemäss verabschieden wollen. Wir verlassen Finnland in Raja-Joseppi und betreten zum vierten Mal während unserer Reise Russischen Boden. Nach einer wunderschönen Fahrt durch 300 Kilometer Wald und Seen erreichen wir Murmansk. Von da aus fahren wir gleich weiter nach Teriberka, ein kleines Dorf direkt an der Küste der Barent-See. Russische Schönheit empfängt uns, zwei Drittel des Dorfes bestehen aus sowjetischen Ruinen und sonstigen Relikten vergangener Tage. Wir werden vom fahrenden Auto aus zu Vodka und getrocknetem Fisch eingeladen. Wir nehmen an und diskutieren während zwei Stunden mit Händen und Füssen. Politik ist wie oft ein Thema und es fällt einmal mehr auf, dass die Russen auf Frau Merkel ganz und gar nicht gut zu sprechen sind. Wir kürzen die Diskussion an diesem Punkt ab und stossen auf die Neutralität sowie die russisch-schweizerische Freundschaft an. Manchmal ist der einfache Weg die bessere Wahl. Im einzigen Restaurant im Ort geniessen wir ein Stück frisches Lachsfilet mit Gemüse und Kartoffeln für umgerechnet 5 CHF. In Norwegen kann man dann für das selbe Menü eine Null hinten ran hängen.

Zurück in Murmansk füllen wir unsere Lebensmittelvorräte auf, gönnen uns ein letztes Hotel, waschen die Kleider, gehen fein essen und verabschieden uns von Russland mit seinen tollen Menschen. Wir kommen wieder, keine Frage!

Nun geht es weiter nach Norwegen, wir sind gespannt.

Mongolei – Wüste Gobi und Ulan-Bator

An einem regnerischen Tag in Nord-Norwegen, 400km nördlich des Polarkreises lasse ich die Erinnerungen an die Mongolei Revue passieren. Vor sechs Wochen verlassen wir die Gegend um Arvaikheer, um die Wüste Gobi zu erleben. Dieser Teil der Reise war eigentlich gar nicht geplant, doch die Mongolei hat es uns angetan, uns gefesselt. So wird uns rasch klar, dass wir die Wüste Gobi einfach sehen müssen. Wollen wir uns doch zuhause nicht täglich darüber nerven, es nicht getan zu haben.

Weder Herr noch Frau Lamparter haben ernstzunehmende Wüstenerfahrungen. So stocken wir erst Mal unsere Vorräte auf und füllen die Wasserkanister. Mit total 60 Litern Wasser, 3 Litern Bier und einem Liter Whisky starten wir ins Abenteuer Gobi. Keine schlechte Ausgangslage, welche viel Freiraum für den weiteren Ausgang der Reise offenlässt…

Das Erlebnis „Wüste“ müssen wir uns erst erarbeiten. Für zwei volle Tage fahren wir durch die wenig abwechslungsreiche Gras-Steppe. Kilometer um Kilometer lassen wir die trockene Graslandschaft an uns vorbeifliegen. Schnurgerade, oft entlang von Stromleitungen führt uns die Piste südwärts. Das Gras wird weniger, Sand, Steine und Kamele streiten sich um die Vorherrschaft. Irgendwann tauchen aus dem Nichts die Felsformationen von Bayanzag am Horizont auf. Im Vorschulalter der Erdgeschichte waren dies die Gestade eines riesigen Ur-Meeres. Herr Lamparter sitzt am imaginären Ufer und lässt die Flugsaurier vor dem geistigen Auge ihre Kreise ziehen. Als in kleinen Minibussen Touristen aus Ulan-Bator herangekarrt werden, verabschieden wir uns vom paläontologischen Kinematographen und setzen unsere Reise in die selbstgewählte Einsamkeit fort. Das aufkeimende Desert-Feeling wird jäh gebremst, als wir uns inmitten eines grünen Hügelzuges wiederfinden, dem Gurvan Saykhan. Dieser erstreckt sich auf über 100 Kilometern und weist eine maximale Höhe von 2825 Metern auf. Wir treffen erneut auf eine Schar Lämmergeier, welche sich gemütlich am Wegrand niedergelassen haben. Die über 30 Vögel beäugen uns argwöhnisch und sind nur teilweise darüber erfreut, dass wir ihre Ruhe stören. So hoppeln diese majestätischen Vögel vor uns weg, fliegen wäre wohl zu anstrengend.
Wir nächtigen in einem der Täler und lassen die zerfurchten, gänzlich mit Gras bewachsenen Flanken der Berge auf uns wirken. Zwei Mongolen schieben ihr chinesisches Motorrad in der Dämmerung an uns vorbei und streiten sich darüber wer wohl vergessen hat den Tank aufzufüllen. Uns registrieren sie kaum und wir sind dafür dankbar.

Am nächsten Tag lassen wir den Hügelzug hinter uns und tauchen wieder in stereotypere Wüstenlandschaft ein. Inmitten zweier Gebirgszüge hat sich während den letzten Jahrmillionen eine monströse Wanderdüne niedergelassen. Die Khongoryn Els ist die grösste Düne der Mongolei und wird auch als die Singende Düne bezeichnet. Sie wandert seit Menschengedenken von West nach Ost und ist auf eine Länge von stattlichen 180 Kilometern angewachsen. Der Sand türmt sich mehrere hundert Meter hoch und nimmt fast die Gestalt eines Berges an. Wir beschliessen den Sandberg zu besteigen und geniessen schweissgebadet auf dem Gipfel einen grandiosen Ausblick.

Am späteren Nachmittag stellen wir fest, dass die Strasse bald die Wanderdüne durchqueren wird. Für vier Kilometer gilt es dem tiefen Sand zu trotzen. Die Untersetzung wird eingelegt und mit unanständig hohem Dieselverbrauch pflügen wir uns durch den feinen Sand. Kurz darauf sichten wir einen alten UAZ-Transporter, welcher vollbeladen und mit angehängtem Wassertank-Anhänger steckengeblieben ist. Die Mongolische Grossfamilie ist mit Hab und Gut unterwegs wie jedes Jahr ennet der Düne ihre Jurte für das Sommerlager aufzuschlagen. Dass man bei der Durchquerung der Düne wohl stecken bleibt gehört dazu und mit stoischer Gelassenheit arbeiten die Männer an der Befreiung des Gefährts, während die Mütter ihre Kleinsten stillen. Nach all der uns entgegengebrachten Hilfe und Gastfreundschaft während der Reise wollen wir uns revanchieren und bieten an, sie aus dem Sand zu ziehen. Herrn Lamparter wird schnell klar, dass der Mund voreilig etwas vollgenommen wurde, handelt es sich doch beim abzuschleppenden Fahrzeug um keinen Fiat Punto. Nun denn, gesagt ist gesagt, er lässt sich nichts anmerken und montiert den elastischen Bergegurt. Der erste Versuch den UAZ sachte mit gespanntem Seil rauszuziehen scheitert kläglich und Herr Lamparter sieht sich schon als grosses, weisses, westliches Grossmaul gebrandmarkt. Nun gilt es zu retten was zu retten ist. Der Land Cruiser wird zurückgesetzt, der Vorwärtsgang eingelegt und mit Volldampf fährt man ins ungespannte Seil. Ein Ruck geht durch das Auto, die selbst montierte Heckstossstange hält und der UAZ rollt wieder. Glücklich etwas zurückgegeben zu haben, ziehen wir den UAZ noch für einen weiteren Kilometer hinter uns her und entlassen ihn dann wieder in die Freiheit.

Einen Tag später erreichen wir die Bergarbeiter-Siedlung Gurvantes. Den letzten Aussenposten der Zivilisation. Oder gemäss dem Reiseführer den Ort, an welchem man ohne Expeditionsausrüstung unbedingt umkehren oder aber mit entsprechender Ausrüstung nur in Begleitung anderer Fahrzeuge weiterfahren sollte. Eigentlich trifft keiner der beiden Punkte auf uns zu und so fragen wir die Dorfbewohner um Rat. Unsere Frage, ob die Fahrt zur nächsten Siedlung (200km entfernt) alleine machbar sei, stösst bei den Locals auf taube Ohren. Immer wieder versuchen sie uns den Weg zu erklären und immer wieder zeigen wir ihnen die Karte respektive das Tablet mit dem eingezeichneten Weg. Uns gelingt es nicht, die Frage so zu formulieren, dass wir doch bloss wissen möchten, ob es gefährlich sei alleine durch die Wüste zu fahren. Aber den Ueli Steck zu fragen, ob es gefährlich sei den Niesen zu besteigen, sorgt bei diesem auch nur für Kopfschütteln. Wir entscheiden uns die 200 Wüstenkilometer in Angriff zu nehmen, möge kommen was wolle.

Wir werden mit endlosen Flächen, Oasen, Canyons, atemberaubenden Sonnenuntergängen und ausgetrockneten Flussbetten belohnt. Die Wüste zeigt uns ihr schönstes Gesicht und wir sind einmal mehr dankbar, dies alles erleben zu dürfen. Des Abends sitzen wir auf der Heckklappe unseres Land Cruisers umringt von Sand und Büschen, schlürfen einen kalten Jack ‚n’ Coke, geniessen schweigend die komplette Stille, und essen eingemachte Erbeeren aus dem Glas. Wir sind glücklich.

Drei Tage und 1000 km später finden wir uns in einem nicht enden wollenden Stau in Ulan Bator wieder. Ulaanbaatar, die Hauptstadt der Mongolei, 1,3 Millionen Einwohner. Ich erinnere mich, wie man in der fünften Klasse im schneelosen Skilager in Schwenden im Diemtigtal bei den Klassenkameradinnen noch punkten konnte, wusste man den Namen der Mongolischen Hauptstadt. In Schwenden unterstützt man Frau Holle mit Schneekanonen und wir sitzen hier im Stau in Ulan Bator. C’est la vie.

Wie alle andern Overlander und Motorradreisende steigen wir im Oasis Hostel ab. Dieses liegt etwas ausserhalb und man kann im eigenen Dachzelt im Gärtchen nächtigen. Im hauseigenen Imbiss werden Wiener Schnitzel, Pasta sowie kaltes Bier feilgeboten und die mongolischen Angestellten sprechen sogar Deutsch. Irgendwas stimmt da nicht, doch wir nehmen es wohlwollend als willkommene Abwechslung entgegen und bleiben ein paar Tage. Seit unserer Abfahrt Ende März in der Schweiz haben wir in Mazedonien eine kanadische Familie, in Kirgistan unsere Schwedischen Helfer und in der Mongolei einen allein reisenden Deutschen sowie zwei Italienische Pärchen getroffen. So müssen wir uns im Oasis Hostel erst Mal daran gewöhnen, so vielen Europäern über den Weg zu laufen. Wir lernen viele interessante Reisende kennen und tauschen uns gegenseitig aus. Vor allem aber sitzt man abends zusammen, trinkt Bier und erzählt sich Räuberpistolen.

Ulan Bator ist nicht gerade ein Bijou unter den Hauptstädten der Welt, so freuen wir uns über die Einladung von Rainer, einen Tagesausflug in ein traditionelles Dorf ausserhalb der City zu machen. Rainer reist mit einem offroad-tauglichen Wohnmobil und gemeinsam mit zwei weiteren Deutschen Motorrad-Touristen, nehmen wir im fahrenden Wohnzimmer Platz. Katharina die Motorradfahrerin kennt den Weg und meint, das sei kein Problem für Rainer’s Mobil. Nach fünfzig gemütlichen Asphalt-Kilometern folgen eine Flussdurchfahrt und eine typisch mongolische Rumpelpiste. Leider zuviel für das Getriebe des Wohnmobil’s, es kapituliert und wir bleiben stecken. Zurückversetzt auf den kirgisischen Tosor-Pass leiden wir mit Rainer mit, sowas muss nicht sein… Ein alter russischer Armee-Lastwagen zieht das Wohnmobil durch den Fluss sowie über Stock und Stein bis zur Asphaltstrasse. Der organisierte Abschleppdienst entpuppt sich als schrottreifer Mitsubishi L-200 Pick-Up. Kaum fährt der Pickup los, steigt die Motorentemperatur bereits in den roten Bereich und fünf Kilometer später verschafft sich das kochende Kühlerwasser mit einem lauten Knall Platz und wir bleiben stehen. Der Mongolische Fahrer nimmt dies mit einem Lächeln entgegen und will den Ernst der Lage nicht wirklich akzeptieren. Das Kühlerwasser wird nachgefüllt und eine halbe Stunde später probieren wir weiterzufahren. Doch der Mitsubishi hat nicht genug Power, das Wohnmobil die Passstrasse hochzuziehen. Spätestens jetzt wünschen wir uns den Land Cruiser herbei, der hätte das mit einem Augenzwinkern geschafft. Unsere Wünsche werden in Form eines Ford F-250 Pickup erfüllt. Der generöse 6.5 Liter Motor schafft die Steigung locker und Stunden später erreichen wir wieder Ulan Bator.

Rainer ist ein alter Hase und Profi genug. Beim Feierabendbier präsentiert er uns bereits seinen perfekt ausgetüftelten Rettungsplan, um sein Mobil wieder fit zu kriegen. Zwei Wochen später erfahren wir, dass er sich ein neues Getriebe aus Deutschland einfliegen und einbauen liess. Nichts geht über die Deutsche Gründlichkeit!

Wir unsererseits verlassen den Moloch Ulaanbaatar und fahren gen Sibirien mit dem Ziel: Baikalsee!

Die Mongolei – Die Perle der Wildnis – Westen

Nach knapp drei Monaten erreichen wir unser östlichstes Ziel und definitiv einer der Höhepunkte dieser Reise – die Mongolei.
Vorher gilt es aber noch die äusserst exakt arbeitende russische Grenzpolizistin zu überwinden, denn diese scheint sich offenbar nicht sicher zu sein, dass es sich bei Herrn Lamparter in echt und Herrn Lamparter auf dem Passfoto um ein und dieselbe Person handelt. Minutenlanges Begutachten und Position ändern reichen nicht aus. Ein weiterer Beamter muss hinzugezogen werden, bis Herrn Lamparters Identität endlich bestätigt werden kann. Bei Frau Lamparter geht es dann etwas rascher.
Nach dem mongolischen Desinfektionsbad für unseren Landcruiser und einigen Stempeln später, fahren wir im Westen des Landes in der Mongolei, für welche wir nicht einmal ein Visum benötigen, ein.
Ein Hoch überkommt uns durch das Bewusstsein, dass wir nun tatsächlich von unserer eigenen Haustüre bis in die Mongolei gefahren sind – 18’000 km, 17 Landesgrenzen und etliche Zeitzonen hinter uns lassend.

Unsere ersten Kilometer in der Mongolei sind sogar asphaltiert, so dass wir die Stadt, Ulgii, rasch erreichen. Wir essen zu Mittag, wechseln Geld und kaufen noch ein wenig ein – nun geht’s ab in die mongolische Wildnis!
Die Nacht verbringen wir mit Martin, einem in Spanien lebenden Deutschen, welcher alleine mit seinem Defender unterwegs ist, am Üüreg nuur – einem der vielen wunderschönen Bergseen. Wir plaudern, trinken ein Bierchen und trennen uns am nächsten Morgen wieder. Er will der „Hauptroute“ entlang fahren, wir beschliessen ein paar Abstecher unterwegs in die Berge zu machen.
Bereits am zweiten Tag zieht uns dieses Land in seinen Bann – manchmal schaudert es mich vor lauter Schönheit. Nach nur 200 km übertrifft die Mongolei noch einmal alles, was wir bis anhin gesehen haben. Und das ist ja erst der Anfang!
Über Ulangom fahren wir zum Uvs Nuur, einem salzhaltigen See mitten in der Steppe, baden und geniessen, bevor es weiter in Richtung Berge geht. Wir fahren durch Steppen, entlang glasklaren Seen zu einem Landesteil, welcher uns an die abgelegenen französischen Alpen erinnern lässt. Man fährt stundenlang ohne einem einzigen Menschen zu begegnen und falls doch, handelt es sich meist um einen Mongolen auf seinem Pferd galoppierend oder seine Schaf- und Ziegenherde treibend.

Bei einem Land mit einer Fläche von etwas mehr als 1,5 Millionen km2 (4,5 x so gross wie Deutschland), jedoch nur knapp 3 Millionen Einwohnern, von welchen mehr als die Hälfte in Städten und gar jeder zweite in der Hauptstadt Ulan Bator lebt, überrascht dies wohl kaum. Die restlichen 40% der Bevölkerung leben weiterhin als nomadisierende Viehzüchter unter extremen klimatischen Bedingungen, wird es im Winter doch bis zu – 40 Grad und im Sommer schon mal gerne über 30 Grad.
Im Westen des Landes gibt es kaum Strassen und Strassenschilder somit erst recht nicht. Schon toll, dass es so etwas im Jahre 2015 überhaupt noch gibt! Die englische Beschreibung „There are no road signs, only general directions“, beschreibt es wohl am genausten. Es gibt zwar im Land kaum Strassen, dafür aber unzählige Pisten, welche willkürlich gegründet werden, sprich: Gibt es noch keine Piste in der Richtung, in welche man reisen möchte oder ist die vorhandene zu holprig, wird einfach kurzerhand eine neue Piste gegründet und alle weiteren Fahrzeuge folgen ihr. So folgen also auch wir selber oft irgend einer Spur in die ungefähr gewünschte Richtung, bis diese wieder komplett versandet. Man fährt einfach weiter, querfeldein in die vorgesehene Richtung bis man gegebenenfalls irgend wann einmal wieder auf eine Piste stösst. Ohne GPS wäre man in diesem Land verloren und es wäre oft gar lebensgefährlich.

Wir verbringen die nächsten zwei Tage im wunderschönen Khan Khökhiy Nuruu Gebirge, südöstlich vom Uvs Nuur See, kommen nur langsam voran und staunen über Berge und Wälder. Wir waren uns vor unserer Reise nicht bewusst, dass der Westen der Mongolei so abwechslungsreich sein wird. Immer wieder verschlägt es uns die Sprache ob der Schönheit dieses Landes!

Oft sichten wir riesige Adler, vor uns fliegend oder am Strassenrand sitzend, sowie Gruppen von bis zu 30 Lämmergeiern. Auch sie erreichen locker eine Grösse von einem Meter und einer Spannweite von 2-3 Metern. Oder grosse Herden von Yaks, asiatische Hochlandrinder, rennen an uns vorbei. Sie sind das urtümlichste Nutztier der Mongolen. Sein langes, dickes Haarkleid bedeckt den ganzen Körper um Temperaturen von bis zu -50 Grad zu ertragen und seine Körperform erinnert an ein Bison. Es sind gewaltige und äussert schöne Tiere, welche trotz ihrem grossen Volumen so manch einen 100 Meter Läufer locker abhängen würden.

Am zweiten Abend, gleich nach dem Abendessen, bekommen wir Besuch von einem Mongolen auf seinem Motorrad. Obwohl wir nun in einem Land angekommen sind, in welchem wir definitiv kein Wort mehr verstehen, wird uns rasch bewusst, dass er uns in sein Zuhause zum Tee einladen möchte. Wir nehmen die Einladung gerne an und folgen ihm gespannt mit unserem Auto zu seinem Zuhause.
Unser Gastgeber und seine Familie wohnen in einem traditionellen „Ger“, der mongolischen Version einer Jurte und die meistverbreitete Unterkunft der Mongolen. Sogar in Städten sind diese oft, anstatt von Häusern, anzutreffen.
Beim Betreten des „Gers“ stolpern wir fast über die Fleischstücke eines erst vor Kurzem geschlachteten Schafs, dessen Körperteile auf seinem eigenen Fell frisch und unbearbeitet auf dem Boden ausgebreitet liegen…Das „Ger“ selber ist sehr traditionell eingerichtet. Die Tür zeigt nach Süden. Ausgestattet ist das Zelt mit zwei Betten, einem auf der linken und einem auf der rechten Seite und einem Holzofen zum Heizen und Kochen in der Mitte. Die weiteren Möbel sind eine gepolsterte Truhe und ein Hausalter mit dem Bild des Dalai Lama und persönlichen, eingerahmten Familienfotos. Diese Einrichtung ist in jedem mongolischen „Ger“ mehr oder weniger dieselbe.
Die Überraschung und anfängliche Verwirrung seiner Familie ist bei unserer Ankunft in ihrem „Ger“ gross. Es scheint als habe die Familie noch nie zuvor Westeuropäer getroffen, während des Abends bemerke ich immer wieder wie ich von allen Seiten aufmerksam gemustert werde und mein Gesicht von den Kindern sanft angefasst wird um sich meiner hellen Haut und runden Augen zu vergewissern.
Auch müssen wir uns an den regen Körperkontakt der Mongolen gewöhnen, welcher hier auch bei Fremden, egal welchen Geschlechts, nicht gescheut wird. So kann es durchaus vorkommen, dass ein Mann eine fremde Frau an der Hand nimmt um sie nach draussen zu begleiten.
Wir geniessen die Gastfreundschaft und trinken den hier typischen Milchtee, welcher wegen seines leichten Salzgehaltes etwas gewöhnungsbedürftig ist und zeigen unserer Gastfamilie unser mitgebrachtes, kleines Fotobuch mit Bildern aus der Schweiz – unsere Wohnung, die Natur, Bern, unser Hochzeit und unsere Familie.Dies sorgt stets für grosses Interesse und Freude bei Besuchen und hilft den Leuten zu zeigen, wie wir in der Schweiz leben. Am meisten entzückt jedoch, egal in welchem Land bis anhin, sind die Menschen jeweils über die grossen und starken Schweizer Kühe!
Danach werden wir gebeten mit der Familie zu Abend zu essen, lehnen aber ab, da wir bereits ausgiebig gespiesen haben. Zum Glück! Denn was nun aufgetischt wird, wäre für einen westeuropäischen Gaumen definitiv zu viel gewesen und haben wir auch bis zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht gesehen. Die ganze Familie sitzt auf dem Boden, in ihrer Mitte eine grosse Schale mit Schafsfleisch – Innereien, der ganze Darm, riesige Stücke pures Fett und sonstige undefinierbare Körperteile. Es wird geschmatzt und genüsslich an Sehnen, Därmen und Fett gezogen. Wow. Einfach nicht hinschauen lautet die Devise. Wir sind glücklich über unser vorheriges schweizerisches Abendessen. Beilagen wie Brot, Teigwaren oder Gemüse gibt es keine. Die Mongolen ernähren sich prinzipiell fast ausschliesslich von Fleisch (sprich: das komplette Tier) und Milchprodukten. Gemüse und Früchte sucht man, auch in Lebensmittelläden, vergeblich.

Nach ihrem Festschmaus kommen wir aber nicht drum herum ihren selbst gebrannten Milchschnaps, Arkhi, zu degustieren. Diesen MUSS man annehmen, will man nicht komplett zum Hausfeind mutieren. Die Schale wird vom Hausherrn zuerst an Herrn Lamparter, dann zurück zu ihm und schliesslich zu Frau Lamparter gereicht. Das ganze Prozedere ähnelt einem Ritual. Der Schnaps selber hat nur 10% und abgesehen von seinem unangenehmen, etwas sauren milchigen Abgang ist er trinkbar.
Auffällig ist auch, dass die Haare von einem der Mädchen komplett kurz geschoren sind. Am nächsten Tag erkundigen wir uns in unserem Reiseführer und erfahren, dass dies ebenfalls ein ganz besonderer Ritus der Mongolen ist. Die Familien feiern damit, dass das Kind die ersten für Krankheiten allfälligen Jahre gut überstanden hat. Ab diesem Zeitpunkt wird es auch in die Kunst des Reitens eingeweiht. Bis zu diesem grossen Familienfest existieren keine Mädchen oder Bubenfrisuren – sie alle tragen die Haare lang, und mit bunten Schleifchen zusammengebunden.
Da wir uns dieses Ritus’ bei unserem Besuch jedoch noch nicht bewusst waren, sind wir davon ausgegangen, dass es sich beim kleinsten Kind – mit lockigem, langem Haar und Mädchenkleidung – auch tatsächlich um ein Mädchen handelt. Erst am nächsten Morgen, als das kleine Mädchen hübsch frisiert zum Zelt rausläuft und die Hosen zum Urinieren runterlässt stimmt etwas nicht. Frau Lamparter meint ganz verdutzt zu ihrem Gatten: „Du, Sandro, das kleine Mädchen hat im Fall ein Schnäbi….“. Das Ganze war etwas surreal, klärte sich aber dank unseres Reiseführers am nächsten Tag.

Wir verabschieden uns herzlich und fahren weiter, wollen wir schliesslich Frau Lamparter’s 32sten Geburtstag feiern. Auf einer prächtigen Blumenwiese, am Rande eines kleinen Waldes und umrandet von Bergen werden wir eines würdigen Plätzchens fündig. Wir geniessen das heisse Wetter, duschen dank unseres mitgebrachten Militärwassersacks in der Wildnis und geniessen das Nichts tun als plötzlich ein Fuchs unweit von uns vorbeiläuft. Er hat uns nicht einmal bemerkt und erst beim unabsichtlichen Zuschlagen der Autotür wird er unserer bewusst und rennt davon.
Am Abend verwöhnt Herr Lamparter das Geburtskind nach allen Möglichkeiten, kocht ein vorzügliches Thai-Curry, mixt Jack’n’Cokes und zaubert ein fantastisches Lagerfeuer – ich fühle mich wie die Prinzessin der Mongolei! Bis spät Abends plaudern und diskutieren wir am Feuer unter dem wunderschönen Sternenhimmel und der gut sichtbaren Milchstrasse. Was für eine Erinnerung seinen Geburtstag in einem Land wie der Mongolei feiern zu dürfen!

Am nächsten Tag fahren wir weiter durch die bergige Landschaft, machen mittags halt am „Telmen Nuur“ See und schätzen uns immer wieder glücklich über das sonnige und vor allem trockene Wetter. Wir haben Glück, denn zu dieser Jahreszeit kann es hier oft und heftig regnen und dann werden die Pisten in dieser Gegend des Landes komplett unbefahrbar. Man würde steckenbleiben und das mitten im Nichts. Aber wie gesagt, wir haben ja Glück und die Pisten sind trocken und bloss holprig. Gegen Abend finden wir einen traumhaften Schlafplatz am Rande eines Lerchenwaldes. Beim abendlichen Spaziergang geniessen wir den Ausblick vom erklommenen Hügel aus auf unser Auto und sinnieren über die Mongolei. Das Land macht einem süchtig, jeden Abend freut man sich auf den nächsten Morgen, auf die nächsten Kilometer und will immer noch mehr und noch mehr. Die Mongolei ist wohl eine der letzten Perlen der Wildnis, unbeschreiblich schön und das konstant und überall.

Früh am nächsten Morgen wappnen wir uns für ein Abenteuer. Wir wollen eine Strecke fahren, welche uns ein Mongole empfohlen hat, jedoch weder auf der Landkarte, noch auf unserem Tablet eingezeichnet ist. Das ganze befindet sich im Khangai Gebirge, welches im Zentrum der Mongolei tront und ein traumhaft schönes Arrangement von hohen Bergen, glasklaren Seen, wilden Flüssen, tief eingeschnittenen Tälern, Vulkanen und saftigen Wäldern bietet – welch sagenhafte Kombination! Über Tosontsengel fahren wir zu einem kleinen Dorf namens Ider und fragen nach dem Weg. Dies war Anstoss genug uns gleich zum Tee in ihrem kleinen Holzhaus einige Kilometer entfernt einzuladen. Das Haus ist schön, heimelig und wie die „Gers“ ebenfalls traditionell nach buddhistischem Stile eingerichtet. Glücklicherweise spricht einer der jüngeren Männer gut englisch, da er in der Hauptstadt Ulan Bator studiert hat. Er erklärt uns, dass sie eine klassische Nomadenfamilie sind, welche die vier Jahreszeiten jeweils an vier verschiedenen Orten und Häusern/Zelten verbringt.
Die ganze Familie ist äusserst herzlich, wieder trinken wir Milchtee, essen frischen Joghurt, eher bizarr riechende Quarkbiscuits und Herr Lamparter wird in die Ehre des Schnupftabaks eingeweiht, ein weiteres Ritual der besonderen Gastfreundschaft, welches man nicht ablehnen darf. Danach überreicht uns der Hausherr ein in Seide gewickeltes, handgeschriebenes tibetisches Medizinbuch mit einer persönlichen Widmung für uns. Wow, wir sind sprachlos und gerührt – was für eine Ehre!

Wollen wir heute noch einige Kilometer fahren müssen wir los. Zwei der jüngeren Herren eskortieren uns auf ihrem Motorrad in die von uns gewünschte Richtung. Da es keine eingezeichneten Strassen mehr gibt, setzen wir uns Markierungspunkte vom ungefähren Standort von Ortschaften und Flüssen. Dank GPS folgen wir dem Weg in Richtung unserer Markierungen, zuerst über Steppen, danach durch Sibirische Kiefer- und Lärchenwälder, gefolgt von bunten Blumenwiesen mit wilden Lilien, Weidenröschen und Orchideen in saftig leuchtendem grün, weiss, orange und rot. Steigt man aus dem Auto, so füllt sich die Nase rasch mit einem wunderbar wohlriechenden Duft nach Kamille!
Immer wieder müssen wir grosse, tiefe und vorallem sehr breite Gebirgsflüsse mit dem Auto durchqueren. So gut es geht, durchläuft sie Herr Lamparter mit seinen langen Beinen im Voraus um die Tiefe besser einschätzen zu können. Dank unseres Schnorchels am Auto vermag der Panzer eine Wasserhöhe bis über die Motorhaube locker wegzustecken. Trotzdem ist jede Flussdurchfahrt eine grosse Überwindung und es verbleibt eine kleine Restgefahr in der Mitte des Flusses plötzlich festzustecken… man will es sich nicht vorstellen. Aber egal, es verläuft gut und wir kommen jeweils heil am anderen Ufer an.
Nur langsam kommen wir auf unserem Weg voran, von Markierungspunkt zu Markierungspunkt, dies ist ein wahres Abenteuer! Diese Gegend ist fast menschenleer, bloss hin und wieder sichten wir einen einzelnen Mongolen galoppierend auf seinem Pferd. Mit ihren lange und bunten Mänteln, zugeschnürt durch einen breiten Gurt wirken sie äusserst beeindruckend!
Nach 2 Tagen und 200 Kilometern gelangen wir an einen Punkt an dem unsere vorgesehen Richtung nicht mehr möglich zu sein scheint. Wir suchen vergeblich einen anderen Weg, aber das Tal ist zu eng und unser Vorhaben zu riskant – wir müssen aufgeben und kehrt machen, haben wir doch von unserem Abenteuer auf dem Tosor Pass in Kirgistan gelernt. Sprich, die ganzen 200 km zurück und alle 5 Flüsse noch einmal durchfahren. Erschwerend kommt hinzu, dass Regen eingesetzt hat, welcher die vorher relativ gut zu befahrenden Wege in eine Schlamm- und Rutschbahn verwandeln lässt. Vorsichtig und langsam arbeiten wir uns zurück durch den Schlamm. Da wir unsere Fahrten jeweils auf dem Tablet aufzeichnen, können wir problemlos unserer genauen vorherigen Spur wieder zurück folgen. Dies spart uns viel Zeit und wir erreichen unseren ursprünglichen Ausgangspunkt wieder in Ider noch am selben Abend.

Auf gemütlichem Weg machen wir uns langsam auf in Richtung Süden der Mongolei, erwandern unterwegs einen kleinen Vulkan und gönnen uns eine Nacht in einem „Ger Camp“ der „Luxusklasse“, mit einer eigenen Jurte, Abendessen mit Yak Fleisch und sogar einem Bad in einer natürlichen heissen Quelle. Dies wird bis in die Hauptstadt, Ulan Bator, wohl unsere einzige Übernachtung ausserhalb unseres eigenen Dachzeltes sein.
Frisch geduscht und wohl genährt begeben wir uns nun auf den Weg in den Süden des Landes zur sagenumworbenen Wüste Gobi!

In zehn Tagen von Kasachstan in die Mongolei

In Sachen Grenzübertritten wissen wir nun wie der Hase läuft und lassen uns nicht mehr so schnell aus der Ruhe bringen. Genau wie die Kasachischen Beamten an der Kirgisisch-Kasachischen Grenze. Während der Eine unsere Pässe und Visa prüft, unterhält uns der Andere mit einem Handyspiel, bei welchem Deutsche Wörter eingegeben werden müssen.

Nachdem unsere Dokumente als vertrauenswürdig eingestuft wurden, geht es weiter mit der Inspektion unseres Fahrzeuges. Wie schon bei vorherigen Grenzübertritten werden wir auch hier den Verdacht nicht los, dass es den Grenzsoldaten viel weniger um das Suchen illegaler Gegenstände/Substanzen sondern vielmehr um die Befriedigung der eigenen Neugier geht. Die Grenzposten befinden sich oft am Ende der Welt und die gelangweilten Beamten kriegen nur selten Westeuropäer zu Gesicht. Reisen doch die meisten Touristen per Flugzeug in diese Länder ein.
So kommt es, dass dem neugierigen Grenzoffizier sofort Herrn Lamparters Gitarre ins Auge sticht. Nachdem sichergestellt wurde, dass in der gepolsterten Tasche tatsächlich eine Gitarre und keine Kalaschnikov transportiert wird, bleibt Herrn Lamparter nichts anderes übrig, als der versammelten Mannschaft ein Ständchen zu spielen. Fröhlich wird neben dem Takt mitgeklatscht und dezent mitgesummt. Nach finalen Erinnerungsfotos beider Seiten wünscht man uns eine gute Reise und lässt uns ziehen.

Im Gegensatz zu unserem letzten Kasachstan-Besuch bleiben wir nun mehr als doppelt so lange im neunt grössten Land der Welt. Nämlich genau fünf Tage. Nach Tagen des Zweifelns und Frierens ins Kirgistan, kamen uns die sommerlichen Temperaturen in der kasachischen Steppe mehr als gelegen. Mit kaltem Bier und Amerikanischem Whisky lassen wir den Abend ausklingen.

Am nächsten Tag fahren wir weiter an den Aydar-Köl-See. Dieser ist acht Mal grösser als der Bodensee, jedoch kaum touristisch erschlossen. Bei der sich uns bietenden Kulisse, stellen wir uns unweigerlich vor, wie wohl ein solches Gebiet in Westeuropa aussehen würde. Hotels, Ferienhäuser, Strandbars, Pedalos und Jetskis, Armeen von Liegestühlen reserviert mit deutschen Badentüchern und zu guter Letzt Discos mit paarungswilligen, krebsroten Engländern.

Hier hingegen treffen wir lediglich auf ein paar technohörende und Vodka-trinkende Russen. Bei einer Dichte von 10 Leuten in einem Radius von 5 Kilometern können wir gut damit leben. So verbringen wir den Nachmittag schwimmend und liegend.

Wir wollen noch mehr Sommer und noch mehr Wasser. Deshalb fahren wir anderntags weiter an die Sibinsker-Seen. Dies sind 5 malerische Seelein, eingebettet in hohe Berge und saftige Wiesen. So malerisch, dass dort am Wochenende tatsächlich sowas wie Tourismus stattfindet.

Verwöhnt von Wochen der Einsamkeit, entscheiden wir uns nach einem erfrischenden Bad, die Nacht abseits der Seen zu verbringen. Herr Lamparter manövriert den Land Cruiser durch Bäche und Sümpfe. Nur knapp bleiben wir vor einem sprichwörtlichen Schlammassel verschont. Mit letzter Kraft kämpft sich das 3.5 Tonnen schwere Gefährt aus dem bereits knietiefen Schlamm. Glück gehabt!

Belohnt wurden wir später mit einem wunderschönen Seitental voller Tannenwälder, hüfthohem Gras und leider auch einer Armada angriffswilliger Mücken.

Die Mückenplage nehmen wir sportlich, wird uns doch später in Sibirien und Skandinavien Ähnliches oder gar Schlimmeres erwarten. Nach einer erholsamen Nacht hinter dem Moskitonetz, brechen wir frühmorgens zu einer Wanderung auf. Wanderwege gibt es in diesen Ländern keine, so suchen wir uns den Weg durch unberührte Wälder und geniessen letztendlich den bezaubernden Ausblick vom Gipfel(chen). Ein Hirschgeweih liegt auf einmal direkt vor unsern Füssen und bittet uns höflich, es mitzunehmen. Wir nehmen danken an und gewähren der Trophäe einen Logenplatz auf dem Dachträger für die nächsten Tage.

Der Plan das Geweih zurück in die Schweiz zu bringen, scheitert an der Aussicht am Zoll verhaftet zu werden. Jedenfalls sagen uns Einheimische dies voraus und wir lassen das Geweih schweren Herzens zurück.

Wer nun denkt, wir hätten alle Seen in Ost-Kasachstan abgegrast, irrt sich.
Der Stausee von Buchtarminsk ist der Grösste seiner Art im Land der blau-gelben Flagge und gehört sogar zur weltweiten Elite. Er schlängelt sich elegant durch grüne Bergtäler und lässt einen glatt vergessen, dass dies ein Produkt sowjetischer Ingenieurskunst ist. So cruisen wir entlang des Ufers und stoppen in einer kleinen Sandbucht, um schwimmen zu gehen. Eine kasachische Grossfamilie hatte die selbe Eingebung und lädt uns sofort an ihr prall gefülltes Buffet ein. Pferdefleisch, selbst gefangener gegrillter Fisch Salate, Brot und reichlich Vodka werden uns gereicht. Dazu wird viel gelacht während wir uns mit Händen und Füssen zu verständigen versuchen. Nachdem der Vodka rausgebadet wurde, verabschieden wir uns und fahren weiter entlang des Ufers bis wir die Autofähre erreichen, welche uns ans andere Ufer bringen soll. Die Fähre stammt noch aus sowjetischen Beständen und der Kapitän ist dem Vodka offenbar nicht abgeneigt. Nach sicherer Überquerung des Sees, macht der Rumpf des Schiffes beim Anlegemanöver mehrmals Bekannschaft mit den aus dem Wasser ragenden Betonsäulen. Der alte Kahn ist bereits mit unzähligen Beulen und Dellen übersät und so spielt es auch keine Rolle mehr, wenn noch Neue dazukommen.

Der Osten-Kasachstans hat im Gegensatz zur endlosen Steppe des Westens landschaftlich extrem viel zu bieten und wir hätten dort noch lange weiter verweilen können. Doch tief in uns drinnen spüren wir eine langsam aufkommende Rastlosigkeit. Die Mongolische Grenze liegt nun nur noch 650 Kilometer entfernt und zieht uns magisch an. So verlassen wir in der Nähe von Ust-Kamenogorsk Kasachstan und reisen zum zweiten Mal nach Russland ein.

 

Es dauert nicht mal eine Stunde und schon betreten wir wieder Putin’s Territorium. So schnell überquerten wir seit der Türkei keine Grenze mehr.

Der zwischen Kasachstan und der Mongolei liegende Teil von Sibirien nennt sich „Republik Altay“ und hat den Status einer autonomen Republik innerhalb der Russischen Föderation.

Deswegen liest man in Reiseblogs immer mal wieder, dass für die Altay-Region eigens ein spezielles Border-Permit nötig sei. So nehmen wir uns in der Hauptstadt Gorno-Altaysk ein Hotel und wollen am nächsten Tag besagtes Permit holen gehen.

Eine Polizeiwache suchen wir vergebens und irgendwie landen wir dann im Feuerwehr Hauptquartier. Die Feuerwehr-Jungs sind sehr freundlich, wissen aber auch nicht, wo man so ein Permit her kriegt. Sie schicken uns kurzerhand zum Büro des FSB (ehemals KGB). Dort angekommen stehen wir vor einer verschlossenen Tür und einer verspiegelten Scheibe mit einem Telefonhörer an der Wand. Herr Lamparter nimmt den Hörer und versucht dem Beamten, welcher direkt hinter der verspiegelten Scheibe steht, unser Anliegen klar zu machen. Der Beamte rasselt auf Russisch seine Standartsätze runter und macht keine Anstalten auf irgendeine Art und Weise behilflich zu sein.

Uns wird das zu bunt und wir verlassen das Innenministerium wieder. Sollen sie sich doch das Permit dort hinschieben, wo die Sonne niemals scheint.

Wir verlassen Gorno-Altaysk und fahren entlang des Chuysky-Trakts Richtung Mongolische Grenze. Um ausgeruht und im Vollbesitz unserer Kräfte die Mongolei zu erobern, beschliessen wir im Altay einen Camping-Stop einzulegen.

Die Altay-Region ist im Gegensatz zur sibirischen Tiefebene ein sehr hügeliges Gebiet und zieht deshalb viele russische Touristen an, die mal was Anderes sehen möchten. Russen verbringen ihre Ferien anscheinend gerne in Zelt- und Hüttencamps direkt an der Hauptstrasse. Gut für uns, denn so finden wir ein lauschiges Plätzchen an einem Fluss fernab jeglicher Zivilisation.

Wir verbringen dort zwei erholsame Tage. Die schmutzigen Kleider waschen wir mit unserer Self-Made Waschmaschine (20 Liter Plastikfass + Wasser + Waschmittel + Schütteln = saubere Wäsche), räumen das Auto auf, zaubern leckere Menüs auf dem unverwüstlichen Benzinkocher, geniessen wohl temperierte Getränke aus dem Camping-Kühlschrank und sitzen Abends am Lagerfeuer.

Die verbleibenden 450km bis zur Grenze nehmen wir voller Vorfreude und Elan unter die Räder. Der Asphalt ist gut und um 19 Uhr stehen wir an der Grenze zur Mongolei. Eine Stunde zu spät wie sich herausstellt. So bleibt uns nichts anderes übrig als die Nacht an einem lauschigen Bächlein zu verbringen. Dort kriegen wir Besuch von einem Teenager und seinem Töff. Sprechen mag der Bub nicht, er steht jedoch eine Stunde lang neben unserem Auto und sieht sich alles genau an. Wortlos wie er kam, fährt er plötzlich auch wieder weg und wir gehen schlafen. Die zentralasiatische Definition von Privatsphäre ist definitiv nicht mit unserer Westeuropäischen gleichzusetzen. Doch dies werden wir in der Mongolei noch oft miterleben…

Am nächsten Morgen stehen wir pünktlich um halb neun an der Grenze, bringen den Russischen Papierkram hinter uns und nach dem ominösen Altay Border Permit kräht tatsächlich kein Hahn. Auf der andern Seite holen wir uns die benötigten Stempel und ehe wir uns versehen werden wir mit einem charmanten „Welcome to Mongolia“ begrüsst.